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Mit Tieren leben, heißt Tiere lieben, für sie Verantwortung übernehmen.
Wir, eine Familie mit 4 Kindern, im Alter vom 6 bis 18, mit pubertären Schwierigkeiten, haben unser bisheriges Leben nach diesem Prinzip gelebt.
Wir haben alles aufgesammelt was krank oder ungewollt war. Haben versucht den kranken Tieren zu helfen, sie zu pflegen. Viele dieser Tiere sind schließlich bei uns hängengeblieben, sind mit uns alt geworden.
Merlin, ein ausgesetzter Ziegenbock aus einem Wanderzirkus, die Zwergziege Nelly mit ihren Kindern Mücke und Jumper, gerettet vor der Schlachtbank, Vögel aus desolater Haltung, Schnappi, die Rouladen fressende Schnappschildkröte aus dem Schuhkarton (jetzt auf Grund ihrer Größe im Reptilienzoo bei Artgenossen), Justen eine deutsche Dogge, vermittelt über die Schönfelder Tierhilfe "Glückshof", gerettet vor der Versuchsanstalt aus Polen, die Hundedame Kimba, mit drei Monaten aus einer alten heruntergekommenen Gärtnerei freigekauft, Birdy & Psycho die Mohrenkopfpapageien aus Dortmund, mehrere Katzen, Fische, Meerschweine und Hasen.
So ist aus unserer anfänglichen Hilfe über Jahre ein Volltimejob geworden.
Aber alle Liebe der Welt reicht nicht aus Tieren zu helfen ohne fachkundliches, fundierte Wissen über Anatomie, Physiologie und Krankheiten unserer Haustiere.
Nun war guter Rat teuer.
Da wir schon seit längerem Anhänger der Homöopathie waren, die Ärzte leider oft nur die Symptome statt Ursachen behandeln, haben wir uns kurzum entschlossen Tierheilpraktiker zu werden. Aus physischen Gründen ich für Kleintiere, mein Mann für Großtiere. Ab ging es auf die Schulbank!
Während der Anfangsausbildung kamen direkt, ungewollt, die ersten Problemfälle auf uns zu.
Ein zu früh geborenes Schwarzkopfschaf und eine Heidschnucke, unterernährt durch Fehlernährung im Mutterleib und Steineuter. Trotz mehrfacher Reanimation (in unserem Eßzimmer) und zuziehen eines Tierarztes haben wir ein Tier verloren. Das andere, heute 4 Jahre alt, lebt und hat sich prächtig entwickelt. (Vielleicht Anfängerglück?)
Zweiter Patient, ein Löwenkopfhase mit Abzessen und mehr als 100 Maden an mehreren Körperstellen, vom Tierarzt schon aufgegeben. Nach 6 Wochen stationärer Aufnahme in unserer Quarantänestation (ein in der Not umfunktionierter Außenstall), erhielt die Besitzerin (10 Jahre) glücklich ihren gesunden Hasen zurück. Wir waren um eine Erfahrung reicher. (Wir danken unserem damaligen Dozenten, der uns mit Rat und Tat zur Seite stand).
Dritter Patient, ein Hund nach der 4. Chemotherapie. Ihm und seinem Frauchen konnten wir leider nur noch drei gemeinsame Monate ermöglichen. Die Sterbebegleitung war furchtbar. (Wir danken dem begleitenden Tierarzt)
Zwei Tage später wieder ein Erfolgserlebnis. Mein Mann konnte einem schon verzweifelnden Tierazt bei der Geburt eines Hengst-Fohlen helfen, der jetzt gekürt worden ist.
Aufs Auge gedrückt wurde uns ein Vogeljunges, kaum befiedert, mit einer Flügelverletzung, Fundort Waldrand. Es zog in unsere Runddusche ein und wurde per Hand aufgezogen. Wir legten Nachtschichten ein. Wir machten Fehler! Aus einem angehenden Körnerfresser durch Unwissen einen Fleischfresser. Wir lernten dazu. Aus dem Vögelchen wurde eine Wildtaube. Sie bekam den Namen Chicco. Chicco wurde zum Körnerfresser umgepolt, was unter Protest mehrere Wochen dauerte. Er bekam ein glänzendes Gefieder und wurde ca. 30 % größer und schwerer als seine Artgenossen. Es gefiel ihm bei uns, wurde zutraulich, verweigerte mehrfach seine Auswilderung. Es wurde Winter, er zog ins Wohnzimmer ein, in eine Voliére mit Hängenest und Tannengrün. Im Sommer zog er auf die Terrasse um. Er blieb zwei Jahre und feierte sämtliche Feste mit uns. Schließlich gelang es uns ihn im dritten Jahr auszuwildern. Naja, teilweise wenigstens.
Noch heute kommt Chicco mehrfach täglich zum Fressen und Trinken obwohl ein Bach am Grundstück vorbei läuft. Er leistet uns Gesellschaft bei der Gartenarbeit, probiert unsere Wildkräuter, überwacht den Familienbetrieb. Sitzt neben unseren großen Hunden, hat keine Probleme mit unseren Katzen. Beachtet man ihn nicht genug, so klopft er an die Fensterscheibe, fliegt auf den Tisch. Man muß seinen Bauch streicheln, er zieht gerne an den Fingern.
Lästig ist lediglich, das der Herr bei offener Türe oder Fenster in die Küche watschelt, auf den Herd fliegt und mit Vorliebe die Tomatensalatsoße nascht. Aber was soll´s! Er gehört nun schließlich seit 3 1/2 Jahren zur Familie.
Seit diesem Jahr begleitet ihn manchmal sein Weibchen mit dem Nachwuchs. Auch sie wird langsam zahm. Die Kinder haben sie stolz Bella genannt.
Die Ausbildung zum Tierheilpraktiker war neben Familie und Job, neben den vielen Einschränkungen sehr anstrengend, hat sich aber für uns und unseren tierischen Anhang gelohnt. Die Kinder sind in ihrem Berufswunsch Tierarzt und Tierheilpraktiker zu werden bestärkt.
Heute haben wir eine kleine Fahrpraxis. Für Tierhalter und Patient ist diese medizinische Betreuung in der eigenen Umgebung stressfreier. Für uns als Behandelnde objektiver und aufschlußreicher bei der Beurteilung der Haltung, des Verhaltens und der Diagnosefindung.
Besonders stolz sind wir auf unsere älteste Tierhalterin (90 J.) mit ihrer Katze (16 J.) als Patient und auf unseren jüngsten Patienten Ferox, ein rotweißes Findelkind (kl. Kater) von ca. zwei Monaten, der uns als seine Dosenöffner auserwählt und adoptiert hat.
Namenspate stand die mittelalterliche Kultgruppe "Cultus Ferox" aus Berlin. Bei ihrer Musik liebt er es, durch das ganze Haus zu toben und dann dabei genüßlich einzuschlafen.
Einen Dank an Cultus Ferox!!!
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